Mit Strahlung heilen

Wer an Radioaktivität denkt, bekommt es meist mit der Angst zu tun. Dabei kann radioaktive Strahlung nicht nur schaden, sondern – gezielt eingesetzt – auch nutzen.

In der Nuklearmedizin der Uniklinik RWTH Aachen wird mit Radioaktivität geheilt. Im hauseigenen Teilchenbeschleuniger tief im Keller, umgeben von einer 10-Tonnen-Abschirmung aus Stahlbeton, werden unter hohen Sicherheitsvorkehrungen radioaktive Substanzen hergestellt – genauer gesagt, radioaktive Isotope für die Diagnose- und Therapieverfahren. Die wohl häufigste und bekannteste Therapieform in der Nuklearmedizin ist die Radiojodtherapie. Sie kommt bei Patienten mit Schilddrüsenkrebs zum Einsatz. Nach einer Operation, bei der gegebenenfalls Schilddrüse und Lymphknoten entfernt werden, kommen die Patienten zur weiteren Behandlung in die Klinik für Nuklearmedizin. „Hier erhalten die Patienten radioaktives Jod in Tablettenform – genau jenes Jod 131, das im Falle eines Reaktorunfalls entstehen würde“, erklärt Univ.-Prof. Dr. med. Felix M. Mottaghy, Direktor der Klinik für Nuklearmedizin an der Uniklinik RWTH Aachen. „Allerdings ist die Dosis bei der Radiojodtherapie weitaus höher als die, der man nach einem Reaktorunfall ausgesetzt wäre“, sagt er. Denn während eine geringe Dosis die Zellen zur Mutation und damit zum Entstehen von Krebs anregen würde, ist sie bei einer Therapie so hoch, dass sie die kranken Schilddrüsenzellen vollständig zerstört. 

Therapie und Diagnostik in der Nuklearmedizin 

„Nach der Einnahme müssen die  Patienten isoliert werden, bis das Jod durch seine Strahlung die letzten Schilddrüsenzellen und damit auch die Schilddrüsentumorzellen zerstört hat“, sagt Prof. Mottaghy. Dafür werden sie in einem Krankenzimmer mit besonders abschirmenden Wänden und Bleiwänden rund um die Betten untergebracht. Generell ist die Radiojodtherapie eine sehr erfolgversprechende Therapie, da das Jod direkt und ausschließlich in der Schilddrüse aufgenommen wird. „Leider sind noch nicht viele Stoffe bekannt,  die man so gezielt nutzen kann wie das Jod“, berichtet Prof. Mottaghy. „Die meisten Stoffe finden sich überall im Körper. Würde man sie zur Bekämpfung von Tumorzellen einsetzen, würde auch viel gesundes Gewebe zerstört.“ Neben der Therapie spielt die Diagnostik eine wichtige Rolle in der Nuklearmedizin. „Im Gegensatz zur Radiologie, die die Anatomie und Struktur des Körpers abbildet, können wir mithilfe der diagnostischen Verfahren Funktionsabläufe im Körper untersuchen“, sagt der Professor. Die radioaktiven Stoffe werden den Patienten verabreicht und dann zum Beispiel in einem PET-CT (Kombination aus spezieller Gammakamera [PET] und Computertomograph) untersucht, der die Teilchen dank ihrer radioaktiven Strahlung im Körper verfolgen kann. So lassen sich Stoffwechselvorgänge sichtbar machen und zum Beispiel Tumore aufspüren. Strahlung ist eben nicht nur gefährlich. Richtig eingesetzt, ist sie in der Medizin eine große Hilfe. 

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