Eine Minute gegen den Schlaganfall

Wer an Vorhofflimmern leidet, hat ein bis zu fünfmal höheres Risiko für einen Schlaganfall. Die Behandlungsmöglichkeiten sind gut, doch leider tritt Vorhofflimmern häufig unbemerkt auf …

Vorhofflimmern ist die häufigste therapiebedürftige Herzrhythmusstörung. In Deutschland leben rund zwei Millionen Menschen mit Vorhofflimmern und somit mit einem erhöhten Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. Ist das Vorhofflimmern erkannt, kann dem Schlaganfall durch eine medikamentöse Behandlung sehr effektiv vorgebeugt werden. Problematisch ist jedoch: Jeder dritte Patient weiß nicht, dass er an Vorhofflimmern leidet, und die Herzrhythmusstörung wird häufig erst nach einem erlittenen Schlaganfall diagnostiziert. An der Uniklinik RWTH Aachen haben Wissenschaftler und Ärzte daher gemeinsam mit dem Apothekerverband Aachen e. V. und unter der Schirmherrschaft von Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp die Initiative „Aachen gegen den Schlaganfall“ ins Leben gerufen. Ziel dieser bundesweit bisher einmaligen Studie ist herauszufinden, ob ein frühzeitiger Schnelltest auf Vorhofflimmern die Zahl der Schlaganfälle bei älteren Menschen vermindern kann. 

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Vorhofflimmern: Wie führt das zum Schlaganfall?

Bei Vorhofflimmern ist der normale Sinusrhythmus des Herzens gestört und die Herzvorhöfe schlagen nicht mehr richtig. Durch diese Störung können sich Gerinnsel, sogenannte Thromben, bilden. Wenn diese vom Herzen ins Gehirngefäß geschwemmt werden, können sie dort einen Hirninfarkt, also einen Schlaganfall, auslösen. 90 Prozent der Thromben entstehen im linken Herzvorhofohr.

Risiko steigt ab 65+

Rund 7.800 Personen haben in Aachen und der Städteregion an der Großstudie teilgenommen. Warum dabei nur Personen ab 65 Jahren in die Studie eingeschlossen wurden, weiß Univ.-Prof. Dr. med. Nikolaus Marx, Direktor der Klinik für Kardiologie, Pneumologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin an der Uniklinik RWTH Aachen: „Ab 65 Jahren nimmt das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, deutlich zu, und man beginnt bei Vorhofflimmern ab diesem Alter eine Behandlung mit blutverdünnenden Medikamenten. In jüngeren Jahren, wenn keine sonstigen Erkrankungen vorliegen, behandelt man Vorhofflimmern nicht.“ Neben Prof. Marx und seinem Team sind Neurologen und Allgemeinmediziner aus Aachen die Initiatoren des Projekts.

Im Rahmen der Studie konnten sich Interessierte in einem ersten Schritt in Apotheken in der Region Aachen auf Vorhofflimmern testen lassen. Dazu brauchten sie nur eine Minute lang einen EKG-Stab in der Hand zu halten. Bei rund 450 Menschen zeigten sich dabei Unregelmäßigkeiten des Herzschlags. Ihnen wurde in den Apotheken geraten, das genauer vom jeweiligen Hausarzt abklären zu lassen. Das Studienteam befragt in einem zweiten Schritt sowohl diese als auch die Personen ohne Hinweis auf Vorhofflimmern telefonisch zu ihrem Gesundheitszustand – haben Sie einen Schlaganfall erlitten? –, ihrer Behandlung und gegebenenfalls zu einer Änderung der Medikation. 

Das Doppler-Sonographie-Gerät kann Risikopatienten helfen, Vorhofflimmern zu erkennen und rechtzeitig zu handeln.

Schutz in der Zukunft

Anfang 2018 werden die Ärzte und Wissenschaftler voraussichtlich eine erste Einschätzung abgeben können, ob ein flächendeckendes Screening älterer Patienten in Zukunft hilfreich ist, die Schlaganfallrate durch unentdecktes Vorhofflimmern zu reduzieren. „Wenn unser Ergebnis einen Hinweis gibt, wird man die Studie in einer größeren Bevölkerungsgruppe noch einmal wiederholen müssen. Sollten sich dabei die Ergebnisse bestätigen, ist es denkbar, dass man künftig allen Personen ab 65 Jahren rät, einmal pro Jahr in die Apotheke zu gehen und diesen Test durchführen zu lassen“, so Prof. Marx.

Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp ist Schirmherr der Initiative „Aachen gegen den Schlaganfall“. Er testet im Beisein von Prof. Nikolaus Marx den EKG-Stab, mit dem die Pulsfrequenz erfasst und bewertet werden kann.
Foto: Uniklinik RWTH Aachen