Wenn ein kleines Herz nicht richtig schlägt

Jedes Jahr kommen in Deutschland etwa 7.000 Kinder mit einem Herzfehler zur Welt. Für die Eltern tun sich dann viele Fragen auf: Wie kommt es dazu? Wie gefährlich ist der Herzfehler? Wird mein Kind wieder ganz gesund?

Fragen, die der Kinderkardiologe Univ.-Prof. Dr. med. Gunter Kerst an der Uniklinik RWTH Aachen nur allzu gut kennt. Herzfehler gehören zu den häufigsten, angeborenen Fehlbildungen bei Kindern, eines von 100 Babys wird mit einem Herzfehler geboren. Am häufigsten ist der „Ventrikelseptumdefekt“, ein Loch in der Herzkammerscheidewand – von Kindern mit angeborenem Herzfehler leiden rund ein Drittel daran. „Bei einem kleinen Loch besteht die Hoffnung, dass es sich im Verlauf spontan verschließt. Größere Defekte müssen in den ersten Lebenswochen oder -monaten vom Kinderherzchirurgen operativ verschlossen werden“, erklärt Prof. Kerst.  

Inzwischen ist die Medizin so weit, dass die meisten Herzfehler bereits pränatal diagnostiziert werden können. Die kardiologische Diagnostik fußt heute im esentlichen auf nicht-invasiven Methoden. „Wir können die meisten Herzfehler im Neugeborenenalter schonend per Echokardiographie detailliert beschreiben und damit eine wegweisende Therapie einleiten“, betont Kinderkardiologe Kerst.  

Auch bei der Behandlung hat sich viel getan. „Die Aussichten für die kleinen Patienten sind heute viel besser als vor 20 Jahren“, sagt der Spezialist für Kinderherzen. „Selbst bei einem schweren Herzfehler kann den betroffenen Kindern mit herzchirurgischen oder katheterinterventionellen Eingriffen in aller Regel so geholfen werden, dass sie ein normales Leben im Alltag führen können.“ Die verbesserten Prognosen sind dem medizinischen Fortschritt bei der Herzchirurgie angeborener Herzfehler, bei den Katheterinterventionen, aber auch im Bereich der Elektrophysiologie und der medikamentösen Therapien zu verdanken. So erreichen immer mehr Patienten mit angeborenem Herzfehler das Erwachsenenalter. Die Betreuung dieser „großen“ Patienten verlangt eine hohe Expertise. Sie werden von der Kinderkardiologie in Kooperation mit der Klinik für Kardiologie und der Klinik für Herzchirurgie angeborener Herzfehler betreut. Das überregionale EMAH-Zentrum (Zentrum für Erwachsene mit angeborenem Herzfehler) an der Uniklinik RWTH Aachen stellt rund um die Uhr eine fachgerechte Betreuung von Erwachsenen mit angeborenen Herzfehlern aller Schweregrade sicher. In der Behandlung dieser Patientengruppe geht es nicht nur um spezifische medizinische Aspekte, sondern manchmal auch um eine besondere Beratung zur Berufswahl und Familienplanung. 

„Wir versuchen, die gesamte Familie in den Behandlungsprozess einzubeziehen“, betont Prof. Kerst. „Fachliche Exzellenz allein reicht nicht. Es geht darum, die Ängste und Sorgen der Patienten, Eltern und Familienangehörigen sehr ernst zu nehmen und sich ihnen wirklich zuzuwenden. Nicht umsonst ist der Arztberuf eine Berufung und kein Job“, findet der Kinderkardiologe und Spezialist für angeborene Herzfehler.

Eine schöne Herausforderung

Univ.-Prof. Dr. med. Gunter Kerst leitet seit Mitte des Jahres die Klinik für Kinderkardiologie mit Schwerpunkt interventionelle Elektrophysiologie. ACgesund sprach mit ihm über seine Arbeit.

Herr Professor Kerst, warum haben Sie sich für den Beruf des Kinderkardiologen entschieden?

Prof. Kerst: Es ist der schönste Beruf, den ich kenne! Es ist etwas ganz Besonderes, als Arzt Neugeborene und Kinder zu betreuen. Und die Kinderkardiologie ist ein sehr vielfältiges Fach. Herzfehler haben häufig eine individuelle Ausprägung, die eine individuelle, „maßgeschneiderte“ Lösung erfordert. Die müssen wir finden, um jedem einzelnen Patienten gerecht zu werden. Die Kinderkardiologie ist ein Musterbeispiel für personalisierte Medizin.

Eine schöne Herausforderung! Was gefällt Ihnen ganz besonders an Ihrem Beruf?

Prof. Kerst: Als Kinderkardiologe ist man eine Art Lebensbegleiter vom Kleinkindalter bis hin zum Erwachsensein. Es ist wunderbar und spannend zugleich, zu sehen, wie die Kinder sich entwickeln, welche Wege sie einschlagen auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes und eigenständiges Leben. Die Herausforderungen faszinieren mich, trotz der manchmal belastenden Fälle – oder gerade deswegen. Sie nicht einfach zu akzeptieren, gibt mir den wesentlichen Ansporn, nach neuen Lösungen zu suchen. Und dafür gibt es glücklicherweise viele Möglichkeiten an der Uniklinik RWTH Aachen.

Warum haben Sie vom Universitätsklinikum Gießen und Marburg an die Uniklinik RWTH Aachen gewechselt?

Prof. Kerst: Die Professur für Kinderkardiologie wurde erstmalig in Deutschland mit dem Schwerpunkt interventionelle Elektrophysiologie ausgeschrieben. Das hat mein Interesse geweckt, da es einen meiner klinischen Schwerpunkte darstellt. Die Uniklinik RWTH Aachen bietet exzellente Herzchirurgie, starke kardiovaskuläre Disziplinen, sehr gute Strukturen in der Kinderheilkunde und die technischen Möglichkeiten durch die Helmholtz-Institute zur Weiterentwicklung von Implantaten für Patienten mit angeborenem Herzfehler.

Mit Ihrem Dienstantritt haben Sie den Kommissarischen Direktor, Professor Mühler, abgelöst. Wie wird Ihre weitere Zusammenarbeit aussehen?

Prof. Kerst: Professor Mühler hat neun Jahre lang die Klinik für Kinderkardiologie kommissarisch geleitet. Er ist ein sehr erfahrener Kinderkardiologe, kennt unsere Patienten und die Prozesse hier im Haus sehr gut und ist daher immer ein verlässlicher Ansprechpartner. Daher habe ich ihn auch zu meinem Stellvertreter gemacht. Mit ihm und Professor Vázquez-Jiménez von der Klinik für Chirurgie angeborener Herzfehler im Kindes- und Erwachsenenalter möchte ich das Profil des Herzzentrums weiter schärfen.

Was bildet den Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Prof. Kerst: Gemeinsam mit meinem Team werde ich die Leistungen auf dem Gebiet der Kinderkardiologie ausbauen und die Therapie aller Herzerkrankungen von der Herzschwäche über Rhythmusstörungen bis hin zu Erkrankungen der Herzgefäße und -klappen anbieten. Die Schwerpunkte liegen hierbei auf der interventionellen Elektrophysiologie und der Katheterablation von Herzrhythmusstörungen im jungen Lebensalter und bei Erwachsenen mit angeborenem Herzfehler, insbesondere nach komplexen Herzoperationen.

Sie haben mit einem ehemaligen Kollegen an der Universitätsklinik Tübingen die röntgenstrahlenfreie Katheterablation entwickelt. Was bedeutet das für Ihre Patienten?

Prof. Kerst:  Das Verfahren ist wegen der fehlenden Strahlenbelastung besonders für Kinder verheißungsvoll. Es gehört zu unserem Selbstverständnis, den Eingriff so kindgerecht und schonend wie möglich zu gestalten – und das mit optimaler Sicherheit und bestmöglichem Ergebnis. Die röntgenstrahlenfreie Katheterablation wird eine bedeutende Rolle in unserer täglichen Arbeit einnehmen.

Haben Sie in der Uniklinik bereits Patienten mit diesem Verfahren behandeln können?

Prof. Kerst: Ja. Dank der hervorragenden Ausstattung mit einem 3D-Mappingsystem der neuesten Generation konnte ich das elektrophysiologische Katheterprogramm bereits in meiner zweiten Arbeitswoche in gewohnter Routine und in vollem Umfang aufnehmen. Beispielsweise haben wir die röntgenstrahlenfreie Katheterablation bei einem neunjährigen Mädchen mit einer komplexen Herzerkrankung bereits erfolgreich angewendet.

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