Einsichten

Kolumne von Dr. Dunja Voos

Dezember

Wie ist das Wetter in Dir?

Wenn wir morgens aufstehen, schauen wir aus dem Fenster. Wir gucken, ob es kalt ist, oder warm, regnerisch oder trocken. Manchmal ist es „unser“ Wetter, manchmal sagen wir: „Oh nein!“ Doch es gibt nicht nur eine Atmosphäre da draußen, sondern auch eine in uns drinnen. Wie das Segelwetter heute da drinnen wird, können wir oft schon morgens gut abschätzen.

Jeder weiß, was gemeint ist, wenn man sagt: „Ich bin heute mit dem linken Fuß aufgestanden.“ Komisch, dass es die Redewendung „mit dem rechten Fuß aufstehen“ nicht gibt. Oft zieht sich die Stimmung, die wir morgens haben, über den Tag hin. Die Einen strahlen dann den ganzen Tag, die Anderen schauen eher missmutig drein.

„Heute ist man doch nicht mehr abhängig vom Wetter“, sagen wir uns. Überhaupt scheint es nicht gut zu sein, sich „abhängig“ zu machen. Doch nicht auf das Wetter zu achten, bedeutet auch gleichzeitig, dass wir uns unverbunden fühlen – unverbunden mit der Natur, mit der Atmosphäre und Energie draußen und drinnen. Wer sich „abhängig vom Wetter“ macht, der kennt es eben gut. Er kennt Bauernregeln, von denen viele erstaunlich oft zutreffen. Er weiß, wann er sich Regensachen anziehen sollte und wann er einen Sonnenhut braucht. Wer „abhängig“ ist vom Wetter, kann harmonisch mit ihm und seinem inneren Wetter leben. Ist es bewölkt und regnerisch, kann doch ein heißer Tee besonders schön sein, ein kuscheliger Pullover Freude machen mit seiner Weichheit und Wärme.

Dunja Voos ist Medizinjournalistin und hat eine psychoanalytische Privatpraxis in Köln-Pulheim. Wer mehr von ihr lesen möchte: www.medizin-im-text.de

November

In Ruhe sterben dürfen? - geht das?

Zu Beginn meines Medizinstudiums 1991 erschütterte mich das Leid einer über 80-jährigen Patientin. Die Frau war dement und machte sich eines Nachts auf den Weg zum Grab ihres verstorbenen Mannes. Unbemerkt schlich sie sich aus dem Krankenhaus fort und schaffte den Weg zum nahegelegenen Friedhof. Sie legte sich am Grab auf den Boden und war in der Kälte schon tief eingeschlafen. Bis man sie fand. Man brachte sie ins Krankenhaus, erweckte sie wieder zum Leben, und dann lag sie da: Noch mit der Erde unter den Fingernägeln weinte sie furchtbar, weil man sie nicht in Ruhe gelassen hatte. Es dauerte dann noch Wochen, bis sie endlich sterben durfte.

Ich kenne einen Arzt, der im Alter in die Wälder Kanadas gezogen ist. Sein Argument: „Hier kann ich in Ruhe an einem Herzinfarkt sterben, ohne dass mich jemand kurz vor dem Ende noch findet.“

Viele fragen sich: Wie kann man verhindern, dass man im Alter „mehrere Tode“ stirbt? Kürzlich las ich das Buch des Palliativmediziners Gian Domenico Borasio „Über das Sterben“. Hier beschreibt Borasio, wie sich der Körper auf das Sterben einstellen kann – wie alte Menschen natürlicherweise oft kaum noch etwas zu sich nehmen, um dann, eines Nachts, in Ruhe zu sterben. Der Körper passt sich dem Vorgang an. Oftmals ist das Sterben nicht so qualvoll, wie viele befürchten. Wenn man denn die alten und kranken Menschen lässt (vorausgesetzt, sie wollen es so). Wie den richtigen Weg finden? Kaum ein Thema scheint so schwierig wie das des „richtigen Sterbens“. Es ist dem Thema der „natürlichen Geburt“ sehr ähnlich, wie auch Gian Borasio in seinem Buch schreibt. Wenn man den Menschen lässt, bekommt er das ganz gut hin.

„DNR“ = Do not resuscitate = Bitte nicht wiederbeleben – das lassen sich manche Menschen (besonders in den USA) auf die Brust tätowieren. Ob es hilft?

Dunja Voos ist Medizinjournalistin und hat eine psychoanalytische Privatpraxis in Köln-Pulheim. Wer mehr von ihr lesen möchte: www.medizin-im-text.de

Oktober

Diät: Das Problem sind die Abende

Um zu funktionieren, brauchen wir Energie. Energie holen wir uns unter anderem durch Atmen, Essen, Trinken und Schlafen. Wenn wir zu wenig schlafen, dann nehmen wir an Gewicht zu. Wenn wir müde sind und keine Gelegenheit zum Schlafen finden, greifen wir zu Schokolade und Kaffee, um wach zu bleiben. Wer eine Diät macht, kann tagsüber diszipliniert sein – aber abends, wenn die Müdigkeit kommt, kommt auch der Hunger.
Wer eine Diät durchhalten möchte, der sollte sich auf die Zeit am Abend vorbereiten. Ein Mittagsschlaf oder ein Spaziergang am Nachmittag hilft, wieder etwas aufzutanken und abends nicht gar so erschöpft zu sein. Bewusst früher ins Bett zu gehen, kann ebenfalls hilfreich sein, allerdings nur, wenn man auch wirklich müde ist. Wer abends Heißhunger verspürt, ist oft einfach müde. Hier können eine heiße Dusche oder heißer Tee gut tun, wenn es noch zu früh ist, um ins Bett zu gehen. Manche kommen auch gut damit zurecht, in den frühen Abendstunden einen Espresso zu trinken. Man muss es ausprobieren.
Wichtig ist es, sich bewusst zu machen, dass die Abende bei Diäten schwierig werden können. Dann kann man vielleicht hier und da etwas gegensteuern.

Dunja Voos ist Medizinjournalistin und hat eine psychoanalytische Privatpraxis in Köln-Pulheim. Wer mehr von ihr lesen möchte: www.medizin-im-text.de

September

Reizdarmsyndrom – was dagegen helfen kann

Der Druck kommt, kurz bevor man muss: Jemanden treffen, einen Termin einhalten, funktionieren. Wie lässt sich der Druck, das „Feuer im Darm“, in den Griff bekommen? Menschen mit einem Reizdarmsyndrom können leicht neurotisch darüber werden: Immer vorsichtiger wählen sie ihre Nahrungsmittel aus, achten sie auf Essens- und Toilettenzeiten. Sie probieren Autogenes Training, Hypnose und Fantasie-Reisen. Und doch macht der Körper, was er will. Die Verdauung lässt sich scheinbar gar nicht steuern.

Seele und Verdauung hängen eng zusammen

Psyche und Verdauung sind untrennbar miteinander verbunden. Das parasympathische Nervensystem springt eigentlich bei Entspannung an und leitet den Stuhlgang ein. Wer entspannt am Frühstückstisch sitzt, merkt das oft. Beim Reizdarmsyndrom ist man aber ganz und gar nicht entspannt. Vor der Prüfung hat man „Schiss“, aufregende Erfahrungen muss man erstmal „verdauen“. An einem Problem „kauen wir herum“. Schon an unserer Sprache lässt sich erkennen, dass die Seele manchmal dasselbe macht, wie der Darm, sie „verdaut“. Wenn wir etwas erleben, was unsere Emotionsverarbeitung übersteigt, kann es sein, dass wir uns vor Schreck übergeben. Wir können Gefühle innerlich „halten“, aber wenn es uns zu viel wird, dann laufen wir über.
Der Reizdarm ist bei sehr vielen Menschen Symptom für ein Beziehungsproblem. „Das Einzige, was wirklich hilft, ist Sport oder Bewegung“, sagte mir ein Patient. Viele Reizdarm-Patienten spüren, dass es ihnen besser geht, nachdem sie über mehrere Monate hinweg regelmäßig zum Walken, Schwimmen oder Joggen gegangen sind. Auch Yoga hilft.
„Mir hilft es, wenn ich morgens in Ruhe zur Toilette gehen kann“, erklärte eine andere Patientin. Den Darm zu erziehen, das kann einige Monate dauern. Am besten ist es, etwa zwei Stunden vor Beginn des Arbeitstages aufzustehen. Eine Tasse Espresso, Joghurt oder heißes Wasser regen den Darm an. Wer in Ruhe jeden Morgen zur Toilette gehen kann, muss tagsüber meistens nicht mehr über seine Verdauung nachdenken.

Aufnehmen und Abgeben

Manchmal fühlt es sich so an, als sei das, was der andere „in einen reintut“ (Erwartungen, Meckereien, Erzählungen) einfach zu viel. Es kann sogar „zu viel des Guten“ sein. Dann hat man das Gefühl, man will es so schnell wie möglich wieder loswerden. In der Vorstellung wird man das, was in der Psyche oder im „Gefühlskörper/im Gefühlskörbchen“ liegt, am besten los, indem man den Körper/den Darm entleert. Manchmal will man es dem anderen auch unbewusst „zurückgeben“ und ihn regelrecht „anscheißen“.
Nicht zuletzt ist der Drang zur Toilette auch mit dem (unbewussten) Gedanken verbunden, keinen eigenen Raum zu haben. Es kann dann hilfreich sein, sich bildlich einen eigenen Raum vorzustellen, obwohl man einem anderen gegenübersitzt oder -steht. Nach dem Stuhlgang fühlt man sich wie befreit, als sei man selbst hinaus ins Freie gegangen. Im Grunde ist das Reizdarmsyndrom ein Kampf um Befreiung.

Dunja Voos ist Medizinjournalistin und hat eine psychoanalytische Privatpraxis in Köln-Pulheim. Wer mehr von ihr lesen möchte: www.medizin-im-text.de

August

Zu müde zum Sport

Bewegung hält fit und vertreibt die Müdigkeit, heißt es. Wir alle bewegen uns viel zu wenig, sagen die Mediziner. Da gibt es viele, die sich brav mehr oder weniger regelmäßig ins Fitnessstudio schleppen oder zum abendlichen Spaziergang zwingen. Doch die rechte Freude kommt dabei nicht auf. Manchmal fragen sich diese Freizeitsportler, warum sie sich nicht gut dabei fühlen, warum es ihnen nicht wirklich besser geht – trotz Bewegung und Sportlichkeit. Was kaum einer bedenkt: Um Sport zu treiben, muss man erst einmal erholt sein. Viele merken im Urlaub, wie ihre Kraft zurückkommt und sie wieder Lust auf Bewegung bekommen. Das kommt daher, dass der Körper sich in den ersten Urlaubstagen schon ein wenig erholt, wieder etwas Kraft gesammelt hat. Wer erholt ist, bekommt Lust auf Sport. Ein erholter Körper möchte sich wie von selbst bewegen. Wer seinem Körper ein paar Tage Erholung gönnt, spürt, dass es leichter wird, mit einer sportlichen Aktivität anzufangen. Wer also wieder fitter werden will, braucht nicht unbedingt zuerst die Bewegung, sondern oft zuerst die körperliche Erholung. Ausreichende Erholung ist die Grundlage für körperliche Aktivitäten – die dann auch wieder Spaß machen.

Dunja Voos ist Medizinjournalistin und hat eine psychoanalytische Privatpraxis in Köln-Pulheim. Wer mehr von ihr lesen möchte: www.medizin-im-text.de

Juli

Diättipp: Zum Essen an den Tisch:

Wer eine Diät machen möchte, der nimmt allerhand auf sich. Doch eines fehlt oft dabei: Das Essen am Tisch. Da wird der Apfel zwischendurch am Rechner gegessen und der Kaffee im Stehen getrunken. Für viele ist es eine sehr schwierige Übung, sich zum Essen an den Tisch zu setzen. Forscher untersuchen, ob Stress zu einer erhöhten Kalorienaufnahme führt. Stress hat viele Facetten. Eine davon ist sicher das Essen im Stehen oder Gehen, das Essen im Auto oder das Aufstehen, kurz bevor man wirklich in Ruhe zu Ende gegessen hat.

Wenn Sie Gewicht verlieren wollen, machen Sie es sich zur Gewohnheit, am Tisch zu essen. Wenn Sie alleine leben, legen Sie sich Ihre Lieblingslektüre an den Tisch, stellen Sie eine gemütliche Lampe auf oder schauen Sie ruhig auch fern dabei. Aber versuchen Sie, sich zu jeder Mahlzeit an den Tisch zu setzen und erst aufzustehen, wenn Sie wirklich fertig sind. Essen Sie den Nachtisch nicht am Schreibtisch.

Probieren Sie es einmal einige Tage und Wochen aus. Sie werden merken, wie unglaublich schwierig das sein kann – es kann schon schwierig werden, eine regelmäßige Zeit zu organisieren, zu der man – mit oder ohne Kinder – am Tisch sitzt. Doch wenn Sie es sich (wieder) angewöhnt haben, werden Sie merken, wie sich Ihr Essverhalten verändert. Wenn Sie allein leben, fühlen Sie sich anfangs vielleicht sehr isoliert, aber geben Sie sich eine Chance: Möglicherweise werden Sie es wieder genießen können, am Tisch zu essen und Ihren Mahlzeiten einen festen Rahmen zu geben.

Dunja Voos ist Medizinjournalistin und hat eine psychoanalytische Privatpraxis in Köln-Pulheim. Wer mehr von ihr lesen möchte: www.medizin-im-text.de

 

Juni

Bluthochdruck und die Psyche

Fette, wenig Bewegung, Rauchen, Stress – diese Faktoren werden als Ursache für hohen Blutdruck (Hypertonie) angesehen. Bei einem chronischen Blutdruck von 160/95 mmHg lautet die Diagnose meistens „essenzielle Hypertonie“. Das bedeutet, dass sich die Ursache nicht wirklich erklären lässt. Doch die Hypertonie zählt auch zu den klassischen psychosomatischen Erkrankungen (Holy Seven). Was hat es damit auf sich?

Unter dem Deckel brodelt es

Bei vielen Menschen mit Bluthochdruck lassen sich ähnliche Mechanismen wiederfinden. Beispielsweise fällt es vielen Patienten schwer, ihrem Ärger in angemessener Form Luft zu machen. Sie halten quasi den Deckel auf dem Kochtopf. Der Druck wird immer höher. Manche Patienten können ihren Ärger gar nicht wahrnehmen. Sie verdrängen ihn, denn sie scheuen sich vielleicht davor, mit Menschen, die in ihnen am Herzen liegen, einen Konflikt auszutragen. Doch das Ergebnis kann auf Dauer ein Spannungszustand sein, der sich als hoher Blutdruck äußert. Daher helfen Entspannungsübungen manchmal nur wenig, wenn die eigentlichen Ursachen, nämlich Ärger, Konflikte, Sorgen und Einsamkeit, nicht aus der Welt geschafft werden können. Bei vielen Patienten bahnt sich der hohe Blutdruck auch schon seit der Kindheit an. Viele Patienten haben eine schwere Kindheit erlebt, in der es viele Strafen und Entbehrungen, aber wenig Liebe gab. Die Folgen: lang anhaltende Spannungszustände, Beziehungsschwierigkeiten und selbstschädigendes Verhalten.

Bereit zu Kampf und Flucht

Viele Hochdruckpatienten sind engagiert im Beruf, haben gerne alles unter Kontrolle, mögen es ordentlich und sind nahezu zwanghaft. Sie fühlen sich schnell schuldig und sind in ständiger Kampfbereitschaft, ohne dass ein effektiver Kampf stattfindet. Es ist, als wäre das sympathische Nervensystem, das uns zu Flucht und Kampf verhilft, die ganze Zeit aktiviert: Weite Pupillen, erhitzter Kopf, schlechte Verdauung und angespannte Muskeln gehören dazu. Der Psychosomatiker Franz Alexander ging davon aus, dass sich die feine Muskulatur, die die Arterien umgibt, ebenfalls anspannt. Die Gefäße werden enger, der Druck erhöht sich. Das Herz muss dagegen anpumpen.

Zurück in die Höhle

Das parasympathische Nervensystem sorgt als Gegenspieler des sympathischen Nervensystems für Entspannung. Es fördert die Verdauung, es weitet die Gefäße und macht müde. Bei schwer lösbaren Konflikten können die beiden Nervensysteme abwechselnd aktiv werden. Das führt zu Rot- und Blasswerden, zu wechselnden Pulsfrequenzen, Schweißausbrüchen, Blutdrucksteigerung und -erniedrigung bis hin zur Ohnmacht, zu Gänsehaut, Harn- und Stuhldrang.

Leistung ist alles

Viele Hochdruckpatienten haben hohe Ansprüche an sich selbst oder arbeiten in Berufen, die hohe Anforderungen stellen. Wer ständig viel leisten muss, ohne dafür ausreichend belohnt zu werden, der ist für den hohen Blutdruck prädestiniert. Oft spielt auch Konkurrenzdenken eine Rolle. „Ich muss besser sein als der andere“ wird zu „mein Druck ist höher als der des anderen“.

Geld und Gene

Einerseits ist die Hypertonie genetisch bedingt. Andererseits sind Bildung und wirtschaftliche Verhältnisse wichtige Faktoren. Wer ständig Geldsorgen hat, wird selten wirklich entspannt sein. So sterben in den USA beispielsweise besonders häufig schwarze Männer mit niedrigem Bildungsstand an den Folgen des Bluthochdrucks.

Frau oder Mann

Das männliche Hormon Testosteron ist blutdrucksteigernd, das weibliche Östrogen wirkt auf die Gefäße schützend. Dies erklärt unter anderem die höhere Lebenserwartung der Frauen.

Unentschlossenheit

Auch die Schwierigkeit, sich zwischen verschiedenen Lebenssituationen zu entscheiden, kann zu Bluthochdruck führen. Gegenteilige Gefühle „kämpfen“ miteinander, der Ausweg ist vielleicht eine Zeit lang versperrt. Sobald jedoch eine Entscheidung gefallen ist und sich die Dinge in eine eindeutige Richtung entwickeln, kann ein Bluthochdruck zurückgehen.

Therapie

So verschieden die Ursachen des Hochdrucks und die Menschen sind, so verschieden sind auch die Therapieansätze. Medikamente und Blutdruckmessung gehören oft, aber nicht immer dazu. Viel Wissen und Motivation zu gesunder Lebensführung können die Erkrankung im Rahmen halten. Entspannungs- und Feedbackverfahren wirken unterstützend. Oftmals kann eine Psychotherapie hilfreich sein.

Dunja Voos ist Medizinjournalistin und hat eine psychoanalytische Privatpraxis in Köln-Pulheim. Wer mehr von ihr lesen möchte: www.medizin-im-text.de

 

Mai

Angst vor dem Zahnarzt (Zahnarztphobie)

Menschen mit einer Zahnarztphobie zögern oft sehr lange, bis sie endlich den Weg in eine Zahnarztpraxis schaffen. Es kostet sie unglaubliche Überwindung, bei einem Zahnarzt anzurufen, in die Praxis zu gehen, sich auf den Stuhl zu setzen und den Mund zu öffnen. Da nützen auch die schönsten Bilder an der Wand und Naturfilme im Behandlungszimmer nur wenig. Immer wieder liest oder hört man in den Medien etwas über die Zahnarztphobie. Meistens werden dann Zahnärzte empfohlen, die Hypnose anbieten. Doch wer wirklich Angst vor dem Zahnarzt hat, der fürchtet sich auch vor der Hypnose, denn er verbindet „Hypnose“ gedanklich mit „Kontrollverlust“. Und das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, ist für den Patienten mit Zahnarztangst das Allerschlimmste.

Verständnislosigkeit

Viele Menschen fürchten sich vor dem Zahnarzt oder gehen zumindest mit einem mulmigen Gefühl dorthin. Wer aber an einer echten Zahnarztphobie leidet, der fürchtet sich nicht nur ein bisschen, sondern der fühlt sich innerlich gequält und hat große Angst. Das ist für Außenstehende oft schwer nachzuvollziehen. Sicher, da wird das ein oder andere schlechte Zahnarzterlebnis in der Kindheit zur Erklärung herangezogen, aber solch ein einziges Erlebnis ist meistens nicht die Ursache für eine ausgeprägte Zahnarztangst – dahinter steckt viel mehr.

Die Angst vergeht nur bedingt durch „Üben“

Wer eine Zahnarztphobie hat und eine Verhaltenstherapie macht, der „übt“ in der Therapie, zum Zahnarzt zu gehen. Durch häufige Besuche mit langsamer Gewöhnung an den Zahnarztbesuch kann die Angst nachlassen. Doch auch das hilft vielen Betroffenen nicht ausreichend. Denn über die wahren Ursachen ihrer Angst spricht oft niemand – häufig können die Betroffenen sie selbst nicht so richtig formulieren. Echte Zahnarztangst hat sehr viel damit zu tun, wie der Betroffene aufgewachsen ist. Nicht wenige haben in frühester Kindheit regelmäßig Gewalt oder Kontrollverlust erlebt. Zu spüren, was man will und es dann auch zu sagen, war aufgrund der Erziehung nicht möglich. Und auch sexueller Missbrauch kommt in Familien sicher häufiger vor, als offizielle Zahlen das widergeben. Die Betroffenen verbinden die Zahnarztangst manchmal nicht direkt mit ihrer schweren Kindheit. Denn was von so einer Kindheit übrig bleibt, sind oft nicht die bewussten Erinnerungen, sondern die unguten Gefühle. Es fällt den Betroffenen oft sehr schwer, einem anderen zu vertrauen. Schon „normales, zwischenmenschliches Vertrauen“ ist schwer. Wie schwer muss es dann sein, einem anderen so zu vertrauen, dass er in der eigenen Intimsphäre, dem Mund, „arbeiten“ darf. Bewusst oder unbewusst, in jedem Fall aber unausgesprochen, kommen da auch Gedanken an Sexualität hoch. Doch was dem Patienten vielleicht helfen würde, wäre eine Situation, die nur schwer herzustellen ist: Das offene Gespräch. Zahnärzte sind in der Regel nicht spezialisiert auf schwere Kindheiten oder sexuellen Missbrauch. Und die Patienten sind oft so traumatisiert, dass sie auch nicht darüber sprechen können. Was bleibt, und was spürbar ist, ist eine unausgesprochene, fast unerträgliche Spannung.

Was dem Betroffenen hilft

Manchmal hilft nur ein langer Weg, um die Zahnarztphobie zu überwinden. Dazu kann zum Beispiel eine psychoanalytische Therapie gehören. Hier kann der Betroffene oft erstmals im Leben erfahren, wie es ist, einem anderen zu vertrauen. Ist die Beziehung zwischen Patient und Therapeut gefestigt, hilft es dem Patienten auch, bei seinem Gang zum Zahnarzt an den Therapeuten zu denken.

Außerdem hilft nur ein „gutes Gefühl“ beim Zahnarzt, die Angst zu überwinden. Wenn Sie unter einer Zahnarztphobie leiden, dann gehen Sie so lange auf die Suche, bis Sie jemanden gefunden haben, bei dem Sie das Gefühl haben: Ja, hier kann ich meinen Mund öffnen. Wie fühlt sich der Stuhl an? Ist er bequem? Wie ist die Stimmung im Zahnarzt-Team? Wie fühlen sich die Hände des Zahnarztes an? Ist er einfühlsam? Geht er darauf ein, wenn Sie sagen, dass Ihnen die Liege zu flach ist und dass Sie aufgrund Ihrer Angst eher im Sitzen behandelt werden wollen? Wie sieht die Praxis aus? Ist Ihnen da zu viel „Gedöns“? Videobilder aus dem eigenen Mund schrecken viele Patienten ab – auch zu einer „modernen“ Praxis können Sie „Nein“ sagen, wenn Sie sich dort nicht wohl fühlen.

Wenn von Seiten der Schmerzen noch möglich: Nehmen Sie sich Zeit

Selbst, wenn die Zähne in einem sehr schlechten Zustand sind, brauchen Sie nichts machen zu lassen, was Sie nicht wollen. Beim ersten Besuch reicht es, den Mund aufzumachen und nachschauen zu lassen. Bevor irgendein weiterer Schritt gegangen wird, können Sie noch einmal nach Hause gehen und die Sache überdenken. Sie können auch während einer Behandlung jederzeit sagen: „Stopp, ich brauche eine Pause.“ Gehen Sie nur zu einem Zahnarzt, der Ihnen sympathisch ist. Haben Sie keine Scheu, mehrere Zahnärzte zu Kontrolluntersuchungen auszuprobieren – die Unterschiede sind wirklich riesig. Wenn Sie einen Zahnarzt gefunden haben, bei dem Sie sich wohlfühlen, dann ist alles andere zweitrangig. Ob dieser Zahnarzt eine psychosomatische Grundausbildung hat, ob er Hypnose durchführt oder nicht – wichtig ist der Mensch. Und wenn Sie das Gefühl haben: Ja, dieser Zahnarzt versteht mich, ohne dass ich viel sagen muss und wir sind uns sympathisch, dann haben Sie die beste „Therapie“ gegen die Zahnarztphobie gefunden.

Dunja Voos ist Medizinjournalistin und hat eine psychoanalytische Privatpraxis in Köln-Pulheim. Wer mehr von ihr lesen möchte: www.medizin-im-text.de

April

Alkoholabhängigkeit und Bindung

Alkoholabhängige Patienten gelten häufig als hoffnungslose Fälle. Viele ambulante Therapeuten nehmen Alkoholiker erst gar nicht auf. Doch Vertreter der Bindungstheorie haben einen hoffnungsvollen Blick. Der Philosoph und Kriminologe Abdullah Cihan (East Carolina University, USA) beschreibt in seinem Beitrag „Attachment Theory and Substance Abuse: Etiological Links“ (Journal of Human Behavior in the Social Environment, 24, 2014) interessante Ansätze. Die Alkoholabhängigkeit ist hiernach keine eigenständige Krankheit, sondern eher das Ergebnis einer tiefgreifenden frühen Bindungsstörung.

Ohne Halt

Diese frühe Bindungsstörung hat zu einer Störung in der Emotionsregulation geführt. Natürliche „Glückshormone“, die durch befriedigende Beziehungen hervorgerufen werden, fehlen dem Alkoholabhängigen. Dieses Gefühl von Ruhe und Geborgenheit versucht er durch Alkohol zu erlangen. In einer intensiven psychoanalytischen Langzeittherapie nimmt der Therapeut die Rolle der Mutter ein. In der engen therapeutischen Beziehung reguliert der Therapeut die Emotionen des Patienten – solange, bis der Patient es selbst kann. Ebenso reguliert die Mutter die Emotionen für ihr Kind. Ein Kind lernt, sich selbst zu beruhigen, indem es wieder und wieder von Mutter und Vater beruhigt wird.

Dunja Voos ist Medizinjournalistin und hat eine psychoanalytische Privatpraxis in Köln-Pulheim. Wer mehr von ihr lesen möchte: www.medizin-im-text.de

 

März:

Mit den Lücken des Lebens leben

Wir haben es uns so schön vorgestellt: Wir werden eine Familie haben, Vater, Mutter, Kind sein. Wir werden ein Haus haben, einen Garten, einen Beruf, eine Arbeit. Wir werden glücklich sein. Alles wird ganz sein. Und dann kommt irgendwann die Zeit, in der wir merken: Es gibt Lücken im Leben, die schließen sich nicht. Manche Lücken haben wir selbst verursacht, andere wurden uns zugefügt oder waren schon immer da. Wir haben eine Psychoanalyse gemacht, um die innere böse Mutter oder den inneren bösen Vater doch noch gut werden zu lassen. Wir haben vielleicht eine Paartherapie gemacht oder unzählige Befruchtungsversuche unternommen.

Austherapiert

Wir haben vielleicht Krebs, alle Therapien durchprobiert. Wir haben Entspannungsseminare besucht und sind immer noch gestresst. Wir suchen einen Partner, eine beste Freundin und finden ihn und sie nicht. Wir trauern immer noch um unser verstorbenes Kind oder um unser nie bekommenes Kind. Wir trauern um den wichtigsten Menschen, den wir viel zu früh verloren haben. Wir suchen immer noch die leiblichen Eltern, haben ständig Heimweh. Wir haben vielleicht die Arbeit verloren, kein Geld, scheinbar keine Perspektive mehr. Wir stecken im Rechtsstreit. Ein anderer tut uns Unrecht. Kurz vor dem Ziel mussten wir gehen.

Anders als bei anderen

Wir haben ein behindertes Kind und verbringen unser Leben damit, dieses Schicksal zu managen. Durch den Fehler eines Arztes oder einer Hebamme ist Schreckliches bei der Geburt passiert. Hätten wir nicht dieses oder jenes gesagt oder getan, so wäre unser Partner bei uns geblieben. Hätten wir uns nicht gewehrt, hätten wir ein Kind von unserer großen Liebe bekommen. Hätten wir auf die medizinische Behandlung verzichtet, wären wir heute gesund. Und so weiter und so weiter.

Immer mehr Unauflösliches

Und je weiter sich das Leben fortführt, umso mehr dieser Lücken entstehen. Viele von ihnen werden bleiben und sich anfangs wie Löcher in unseren Herzen anfühlen. Manchmal wachsen Moos und Gras darüber. Manchmal scheint die Hoffnung zu schwinden. Manchmal geben wir auf. Was wir nicht getan haben, wiegt schwerer als das, was wir taten. Schuldgefühle plagen uns, weil wir Dinge getan oder gelassen haben, die wir nie wieder gut machen können.

So verzweifelt wie ein Kind

Sigmund Freud beschrieb in seinem Buch „Das Unbehagen in der Kultur“ (Fischer-Verlage), dass Leiden aus drei Quellen herrühren kann: Aus unserem Körper, aus der Umwelt und aus den Beziehungen. Immer mehr Leid erfahren wir, je älter wir werden und vieles gleicht immer noch dem ersten Schmerz, den wir spürten, als wir unser erstes rotes Förmchen im Sandkasten verloren. Untröstlich waren wir.

Vielleicht doch, oder nie mehr?

Ein furchtbarer Schmerz machte sich uns bekannt: Der Schmerz des Sich-nie-Wieder-Veränderns, des Nie-Wieder-Gut-Werdens, des Auf-Nimmer-Wiedersehens. Und doch hat sich vielleicht etwas Entscheidendes verändert: Wir spüren die Lücken bewusst. Dachten wir als Kind noch, dass es uns zerreißt, wenn das Kaninchen stirbt, so ist uns jetzt der Schmerz bekannt. Wir wissen, was wir da fühlen. Und wir wissen: Wir haben das bis jetzt immer überlebt. Doch jeder Schmerz, jede Situation ist neu. Werden wir es auch jetzt überleben? Ist das Ende abzusehen, fragen wir uns: Können wir es gestalten und wenn ja: Wie wollen wir es gestalten?

In unserem Herzen

Wir kennen das. Aber unser Herz ist nicht mehr so klein. Es hat sich geweitet. Wir kennen immer mehr liebe Menschen, die bereits verstorben sind. Sie haben einen Platz in unserem Herzen gefunden. Der Abstand zwischen Himmel und Erde ist kleiner geworden. Wir wissen, dass nicht immer alles rund sein kann. Das auszuhalten, dass da etwas unauflöslich ist, dass da Fragen sind, die wir nicht beantworten können, dass da tiefe Kerben sind, die da bleiben wie Schluchten im Gebirge, das ist die Kunst.

Aus Ohnmacht wird Demut. Eine Haltung.

Wie fühlt sich das an? Grässlich, wir wollen weglaufen. Aber wenn wir stehenbleiben und nachspüren, dann fühlen wir die Kerbe. Kein lösungsorientierter Ansatz kann hier kitten. Wir wollen was machen, was tun. Und doch ist es oft das Wirksamste, stehenzubleiben, nichts zu tun, hineinzuschauen und zu fühlen, wie sich die Wände der Schlucht anfühlen. Der blinde Bergsteiger Andy Holzer sagte einmal, dass er es leichter findet, sich am Berg zu orientieren als auf gerader Straße, denn am Berg kann er auf allen Vieren gehen, die Steine spüren und wenn er Steinchen dort hinunterschmeißt, dann weiß er, wie hoch er gekommen ist.

Dunja Voos ist Medizinjournalistin und hat eine psychoanalytische Privatpraxis in Köln-Pulheim. Wer mehr von ihr lesen möchte: www.medizin-im-text.de

Februar:

Medikamente bei psychischen Beschwerden – ja oder nein?

Bei psychischem Leid werden Medikamente oft rasch verschrieben. Manchen Menschen tun diese Medikamente gut, andere sträuben sich dagegen. Was für den Einzelnen richtig ist, lässt sich niemals pauschal sagen. Wichtig ist es, über die Medikamentenfrage nachzudenken und dem zu folgen, was einem selbst behagt. Es gibt viele Menschen mit Depressionen, die vom Arzt ein Medikament aufgeschwatzt bekommen, obwohl sie selbst große Vorbehalte haben. Selbst Kinder wissen oft ganz klar, dass sie keine Medikamente einnehmen wollen. Wichtig ist es, auch die Kinder ernst zu nehmen.

Positive und negative Seiten

Psychopharmaka empfinden viele Patienten als hilfreich und motivierend. Sie spüren manchmal durch die Medikamente, wie anders sich das Leben anfühlen kann. Durch das Medikament entwickelt sich bei dem Betroffenen dann sozusagen eine Zielvorstellung: “Da will ich hin, so will ich mich auch ohne Medikamenten fühlen”, könnten sie sagen. Medikamente können zudem von unerträglichen Spannungszuständen entlasten.

Andere Patienten wiederum fragen sich: “Was wirkt denn da nun? Das Medikament oder ich?” Sie müssen häufig rätseln. Diese Verunsicherung kann zu einem größeren Problem werden als das ursprüngliche psychische Leid. Die Frage nach dem richtigen Medikament kann zur Lebensaufgabe werden, sodass manchmal weniger Energie zur Bewältigung anderer Probleme übrig bleibt.

Medikamente verwirren und werden zur Last

Zu den eigentlichen psychischen Problemen kommt das Problem des Medikamenten-Managements hinzu. Medikamente machen müde, unruhig oder im schlimmsten Fall sogar abhängig. Sie mauern den Betroffenen ein, die Gefühlswelt wird flacher und verschlossener.

Bei vielen Medikamenten streiten die Wissenschaftler zudem heftig über deren Wirksamkeit. Zwischen Psychiatern und Patienten können sich regelrechte Kämpfe entwickeln, wenn zum Beispiel der Psychiater Medikamente für richtig hält, der Patient aber diese Medikamente ablehnt.

Medikamente werden sehr wahrscheinlich oft auch deshalb verschrieben, weil viele Ärzte psychologisch oft nicht gut ausgebildet sind. Ähnlich, wie unerfahrene Ärzte aus Angst vielleicht öfter Antibiotika verschreiben, so können psychotherapeutisch unerfahrene Ärzte aus Unsicherheit rasch auf Psychopharmaka zurückgreifen. Erfahrene Ärzte hingegen wissen, dass sich vieles auch ohne Medikamente wieder bessert und dass psychotherapeutische Gespräche eine ausreichende Wirkung haben können.

Wenig selbstwirksam

Medikamente können dazu führen, dass das Gefühl von Selbstwirksamkeit verloren geht. Während einer Psychotherapie wollen viele Patienten keine Medikamente nehmen, damit sie genau spüren, welche Wirkungen die Psychotherapie hervorruft. Ihre ungetrübte Gefühlswelt dient ihnen dann als wertvoller Kompass. Sie spüren deutlich, was ihnen gut tut und was ihren Zustand verschlechtert. Sie fühlen sich ohne Medikamente lebendig. Ihre Trauer, ihr Ärger, ihre Freude: das sind “sie selbst”.

Medikamente sind manchmal leider Lückenbüßer

Hierzulande müssen viele Patienten, denen es sehr schlecht geht, oft lange auf einen Therapieplatz warten. Die Wartezimmer der Ärzte sind überfüllt. Für lange Gespräche, Verständnis und Trost bleibt oft keine Zeit. Manchmal werden dann Medikamente verschrieben, weil eben gerade “nichts Besseres” da ist. Das kann besser sein als nichts. Das ist unsere Realität.

Viele Patienten glauben aufgrund von “Expertenmeinungen”, dass Medikamente unbedingt sein müssten. Das ist aber nicht der Fall. Depressionen, Angststörungen, Borderline, ADHS und andere Störungen “müssen” nicht mit Medikamenten behandelt werden – sie “können”. Wichtig an dieser Stelle ist die Frage: Was möchte der Patient – auch, wenn der Patient ein Kind ist!

Vielen Patienten wäre schon geholfen, wenn man ihnen mehr Zutrauen, Beziehung und Zeit schenken würde. Denn allein das Gefühl: “Ich brauche ein Medikament” reduziert bei vielen Patienten das Selbstvertrauen. Sie gewinnen es oft erst zurück, wenn ihnen jemand sagt: “Es geht auch ohne Medikamente. Was Sie brauchen, ist keine Pille, sondern eine heilsame Beziehungserfahrung.” Die heilsame Beziehung zu einem Therapeuten ist in sehr vielen Fällen weitaus wirksamer als jedes Medikament. Das zu erfahren, tut vielen Patienten sehr gut.

Dunja Voos ist Medizinjournalistin und hat eine psychoanalytische Privatpraxis in Köln-Pulheim. Wer mehr von ihr lesen möchte: www.medizin-im-text.de

Januar:

Single-Sein – jahrelang, jahrzehntelang, erschöpfend

“All die Jahre, in denen ich mein Kind großzog, war ich alleine”, erzählt eine Frau. Und noch eine. Und noch eine. “Ich finde es immer lächerlich, wenn in den Zeitschriften über Frauen berichtet wird, die seit fünf Jahren nicht mehr mit einem Mann geschlafen haben. Das ist doch gar nichts! Unzählige Frauen kommen 10, 15, 20 Jahre und länger nicht in den Genuss. Doch weil man nichts davon hört, kommt man sich so komisch vor” erzählt eine andere. Viele leiden unter der Beziehungslosigkeit und darunter, dass sie einen so bedeutsamen Teil des Lebens wie die Sexualität nicht leben können.

Beziehungsratgeber

Beziehungsratgeber sagen, Frauen würden zu lange auf Mister Perfect warten, hätten zu hohe Ansprüche, idealisierte Vorstellungen von Partnerschaft, falsche Vorstellungen über die Liebe und so weiter. Da gibt es Trainings und Coachings und immer wieder wird den Frauen das Gefühl vermittelt, sie könnten jemanden finden, wenn sie nur ernsthaft wollten. Die Beiträge erinnern an Zeitschriftenartikel à la “Nie wieder Kopfschmerzen” oder: “Was bei Heuschnupfen wirklich hilft.” Wer betroffen ist, weiß jedoch: Manchmal hilft einfach nichts.

Beziehungslosigkeit als Schicksal

Es gibt Lebenssituationen, die nur wenig steuerbar sind, auch wenn sie leicht zu steuern scheinen. Nicht wenige Menschen, die keinen Partner finden, hatten schwierige Beziehungen zu ihren Eltern. Sie waren unsicher gebunden und erfuhren in ihrer Ursprungsfamilie viel Leid. Infolge ihrer Erfahrungen neigen viele zunächst dazu, Beziehung zu vermeiden. Viele lernten erst spät ihren ersten Partner kennen. Die Beziehungsschwierigkeiten ziehen sich bei vielen weiter durch’s Leben und ähneln einer chronischen Erkrankung.

Großer Stress

Alleinsein wider Willen kann großen körperlichen und seelischen Stress bereiten. Niemanden zum Anlehnen zu haben, nicht berührt zu werden und selbst niemanden in den Arm nehmen zu können, ist eine ungeheure Last.

Kaum etwas ist schmerzhafter als ein leeres Bett.

Besonders nachts wachsen die Einsamkeitsgefühle. Das leere Bett fühlt sich schmerzhaft an und die Einsamkeit macht unruhig. Sorgen können nicht geteilt werden und ein Ende der Situation scheint nicht in Sicht. Gerade alleinerziehende Mütter sind völlig okkupiert mit Beruf, Geldverdienen und Kindererziehung. Es bleibt ihnen manchmal nichts anderes übrig, als einfach im Rad weiterzulaufen in der Hoffnung, dass die Kinder irgendwann groß sind und noch einmal neue Freiheit winkt.

Phasenweise

So duster sieht es natürlich nicht immer aus. Keine Beziehung zu haben, fühlt sich oftmals an wie eine schwere Krankheit. Dann gibt es jedoch auch wieder leichte Phasen, in denen nichts fehlt und die Zufriedenheit überwiegt. Erleichtert blickt man auf streitende Paare und in der Beziehung unterdrückte Menschen. Manchmal kommt dann auch Freude darüber auf, glücklich alleine zu sein. Doch was kann man in den schweren Phasen tun?

Annehmen

Ohnmachtsgefühle, Hoffnungslosigkeit und das Gefühl, irgendwie fehlerhaft zu sein, begleitet viele Betroffene. Doch die Lebenslage ist eben teilweise auch ein Schicksal. Es so zu betrachten, fällt vielen nicht leicht. Doch es kann auch entlastend sein. Natürlich kann man nach Kräften versuchen, seine Situation zu verändern, was wohl die Meisten auch tun. Partnerbörsen und Single-Coaches haben jedoch nicht nur Recht, wenn sie sagen, man könne selbst etwas verändern. Oftmals kommt es darauf an, die Ohnmacht anzunehmen und sich nicht so zu betrachten, als mache man etwas falsch.

Alleine alt werden – das möchten die Meisten wohl nicht. Es wird neue Lebensphasen geben und immer neue Chancen. Aber es dauert. Und so manchen Betroffenen kommt diese Zeit vor wie viele Jahre im Gefängnis.

Kraft schöpfen

Kraft zu schöpfen ist wichtig – und die Kraft kommt für viele Partner-lose aus der Natur, vom Haustier, aus dem Sport, der Musik und/oder dem Beruf. Alleinerziehende müssen im Alltag immer wieder langsam werden und auf genügend Schlaf achten. “Den Körper behandeln wie eine Wunde” – das kann helfen, körperlich gesund zu bleiben oder wieder zu gesunden. Wichtig ist das Wissen, dass es anderen auch so geht und dass die vielen mutmachenden Fernsehsendungen und Zeitschriften nicht immer ehrlich sind. Doch es lohnt sich immer, die Hoffnung zu nähren.

Dunja Voos ist Medizinjournalistin und hat eine psychoanalytische Privatpraxis in Köln-Pulheim. Wer mehr von ihr lesen möchte: www.medizin-im-text.de

Dezember:

Mir ist so langweilig!

Langeweile ist eines der furchtbarsten Gefühle, die man haben kann. Eine unendliche, lähmende Weite tut sich da auf. Langeweile kann beängstigend sein. Oder einfach langweilig. Ähnlich wie Müdigkeit kann Langeweile die Abwehr von Aggression sein. Langeweile hat meistens mit Beziehung zu tun. Wer einsam ist, dem ist es oft langweilig. Schlimmer aber ist oft noch die Langeweile in der Beziehung. Langeweile ist auch ein körperliches Gefühl: Kleine Kinder sagen manchmal, ihnen sei langweilig, kurz bevor sie sich übergeben müssen.

Kinder und Langeweile

Wenn Kinder sagen: “Mir ist so langweilig!”, meinen sie damit vieles. “Ich bin so beziehungslos”, könnte es heißen. Oder: “Die Welt ist mir zu sicher”, oder: “Ich habe heute schon zu viele ‘Neins’ gehört”, oder: “Niemand interessiert sich für das, was ich tue, was ich will, was ich bin.” Es ist ähnlich wie mit der Liebe: Wir können uns selbst leichter lieben, wenn andere uns liebend anblicken. Wenn wir Kinder haben und Interesse für das aufbringen können, was sie gerade tun und für das, was sie bewegt, wenn wir Anteil nehmen, dann halten wir auch das Innere des Kindes lebendig. Das Kind wiederum interessiert sich brennend für das, wofür wir uns interessieren. Deshalb ist gekauftes Spielzeug auch viel langweiliger als das Telefon, das wir in der Hand halten.

Abhängigkeit führt zu Langeweile

Manchmal fühlt man sich in einer Beziehung wie gelähmt. Man fühlt sich abhängig. Man glaubt, man könne keinen Schritt ohne den anderen gehen. Manche glauben, sie würden ihren Partner verlieren, wenn sie den Schritt in die Selbstständigkeit wagten. Andere glauben, sie müssten ständig das gut finden, was der Partner gut findet, um sich seine Liebe zu sichern.

Wenn man sich aber aus der Abhängigkeit löst, merkt man, dass das eigene Leben zurückkommt. Wenn man wieder das isst, was man selbst am liebsten mag oder sich für den Arbeitsweg entscheidet, der einem am meisten liegt, dann wird die Kreativität wieder wach. Man fühlt sich wieder vital. In einer gesunden Beziehung kann man das Eigene leben, ohne den anderen zu verlieren.

In der Ruhe liegt viel Kraft

Wir schaffen Vieles auch ganz allein

Mancher kann sich gar nicht vorstellen, dass ein Infekt mit Bettruhe von allein wieder vergeht – ganz ohne Antibiotika. Die innere Sicherheit geht verloren, wenn wir uns daran gewöhnen, zu früh zu äußeren Hilfsmitteln zu greifen.

Es ist oft nicht leicht, sich selbst wieder zu vertrauen. Wer einmal durch eine Phase der Erschöpfung geht, wird sehen, dass die Kraft oft von allein wiederkommen kann. Die Erfahrung, dass sich vieles auch von selbst regelt, kann sehr erleichtern. Wichtig ist dabei oft die gute Beziehung zu einem anderen Menschen. Die natürliche Geburt verläuft dann am besten, wenn eine erfahrene Hebamme dabei ist. Der Trauernde fällt dann nicht so leicht in eine Depression, wenn er Menschen hat, die seine Trauer mittragen. Unruhige Kinder werden ruhiger, wenn sie gute Bindungen zu empathischen Bezugspersonen eingehen können. Die Erkältungswelle lässt sich unterbrechen, wenn man sich „einfach“ mal acht Tage lang ins Bett legt. Wir können uns auf uns selbst verlassen, und es tritt Veränderung ein. Das braucht manchmal mehr Geduld als gedacht. Aber das Warten und Vertrauen lohnt sich!

Dunja Voos ist Medizinjournalistin und hat eine psychoanalytische Privatpraxis in Köln-Pulheim. Wer mehr von ihr lesen möchte: www.medizin-im-text.de

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Foto: Unklinik RWTH Aachen / Dunja Voos