Das klare Ja zum Nein fällt vielen schwer

Vielen Menschen kommt ein „Nein“ zu Mehrarbeit oder Gefälligkeiten nur schwer über die Lippen. Warum das Nein-Sagen so schwer ist, darüber sprach ACgesund mit der Wirtschaftsmediatorin Kirstin Nickelsen.

Kleine Kinder sagen dauernd Nein, Pubertierende auch. Warum fällt den Erwachsenen dieses Wort so schwer?

Kirstin Nickelsen: Leider werden wir zum Nein-Sagen nicht erzogen.
Ein Nein ist unbequem. Wenn der andere funktioniert, habe ich es als Erzieher leichter.

Also muss man sich das Nein-Sagen selbst beibringen?

Kirstin Nickelsen: Wir haben eigentlich ein ganz gutes Gefühl dafür, wann wir Nein sagen wollen. Nur wird es oft ein Ja, weil wir uns nicht trauen. Vielen fällt es schwer, eine klare Haltung einzunehmen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen.

Was sind die Voraussetzungen für ein klares Nein?

Kirstin Nickelsen: Ein deutliches Nein setzt eine klare Abgrenzung voraus. Dazu gehört: Eigene Bedürfnisse klären und Ängsten auf den Grund gehen.

Ist das nicht Nein sagen können vielleicht ein typisches Frauenproblem?

Kirstin Nickelsen: Nach meiner Erfahrung nicht, auch Männer haben das Problem. Es hat eher mit dem Selbstwertgefühl zu tun. Menschen, die nicht Nein sagen, nehmen sich selbst nicht so wichtig. Sie achten ihre Grenzen und Bedürfnisse nicht. Aber warum sollten es dann andere tun?

Wo liegt die Ursache dafür?

Kirstin Nickelsen: Es ist die Angst vor Verlust, die uns ein halbherziges Ja abzwingt. Die Angst, den Job, den Partner, die Sympathie der Nachbarin zu verlieren, wenn ich also in den Augen anderer nicht funktioniere. Aber gesunde Beziehungen gefährdet man nicht mit einem Nein.

Gibt es Strategien, wie man Nein sagen sollte?

Kirstin Nickelsen: Das Nein ist ein ganzer Satz, da braucht man keine Entschuldigungen. Beim Ja sind wir doch auch knapp, da reichen die zwei Buchstaben, oder?

Nun ist das Nein gelungen. Wie schafft man es, auch dabei zu bleiben und nicht einzuknicken?

Kirstin Nickelsen: Natürlich gibt es ein paar Fallen, in die der Nein-Sager tappen soll. Deshalb gilt: Sich nicht in Diskussionen verwickeln lassen. Bei einem Ja diskutiere ich auch nicht. Sich nicht mit Lob, Appell, Verantwortungsgefühl oder Gewohnheitsrechten erpressen lassen.

Es gibt aber Menschen, bei denen fällt einem das Nein schwerer als bei anderen.

Kirstin Nickelsen: Ja-Sager fühlen sich oft als Opfer und sind damit schnell in einer der Fallen drin. Es ist hilfreich, die eigene Rolle zu überprüfen und zu klären, ob man sich nicht in einer anderen Rolle als der ewig altruistischen wohler fühlt.

Ist das ein Lernprozess?

Kirstin Nickelsen: Es geht um die eigene Verantwortung. Darum, zu klären, was ich will, was meine Ziele sind. Mich damit auseinanderzusetzen, wie denn mein Leben aussieht, wenn ich ab sofort Nein sage. Wozu will ich aufrichtig Ja sagen?

Ja zum Nein
Selbstachtung statt Harmoniesucht
von Kirstin Nickelsen
Springer Gabler Verlag
eBook ISBN 978-3-658-06833-2
Softcover ISBN 978-3-658-06832-5

Foto: Unklinik RWTH Aachen / © tunedin/fotolia.de